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Al-Capone-Effekt

Der Al-Capone-Effekt (auch Capone Effect) bezieht sich auf eine besondere Handlungsform vorwiegend staatlicher Machtorgane und Verfolgerbehörden: Seine Wirksamkeit beruht auf strategischen Handlungen gegen Personen, Netzwerke und Institutionen in weniger zentralen Handlungsfeldern.

Das Handlungsmuster wurde Ende der 1920er Jahre von Verfolgerinstanzen der USA gegen den bekannten Berufsverbrecher Al Capone (1899-1947), dessen territoriales Zentrum Chigago (Ill.) und dessen so illegale wie profitable Geschäftsbereiche Glücksspiel, Prostitution, Schutzgelderpressung (racketeering; protection racket), während der offiziellen Alkoholverbotsjahre (Prohibition 1920-1933) Alkoholschmuggel, -handel  und -ausschank, sowie Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Betrug waren. Capone, der auch als für (Auftrags-) Morde und Bandenkriege verantwortlich galt, gab sich öffentlich als seriöser Geschäftsmann und konnte jahrelang trotz kurzfristiger Festnahmen nicht belangt werden. Dies wurde erst Mitte 1931 durch Anklage wegen zahlreicher Steuer- und Betrugsdelikte möglich: Ende Oktober 1931 wurde Capone rechtskräftig zu elf Jahren Gefängnis verurteilt und festgesetzt. Er wurde Anfang 1939 vorzeitig aus Krankheitsgründen entlassen. Trotz zahlreicher Aktivitäten aus der Haft heraus schwand in den 1930er Jahren Capones Einfluß in der Unterwelt bis zum Zerfall seines Imperiums.

Der Al-Capone-Effekt wurde Anfang 2017 auch in der deutschen Innenpolitik eingefordert: „Die Union hat ihre Versäumnisvorwürfe gegen das Land Nordrhein-Westfalen im Fall des Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri erneuert … Der als sogenannter islamistischer Gefährder eingestufte Tunesier Amri hatte sich fast eineinhalb Jahre in Deutschland aufgehalten. Er nutzte mehr als ein Dutzend gefälschte Identitäten, war in der Drogenszene aktiv, wurde observiert und war sogar kurz in Abschiebehaft. Am 19. Dezember steuerte er einen Lkw in einen Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Er tötete zwölf Menschen und verletzte Dutzende. Der abgelehnte Asylbewerber Amri war in NRW gemeldet, die dortigen Behörden waren auch für seine Abschiebung zuständig … Der Obmann der Unionsfraktion im Innenausschuss, Armin Schuster (CDU), sah Versäumnisse: „Wo wir weit auseinanderliegen, ist die Einschätzung von Innenminister Jäger aus Nordrhein-Westfalen, dass es im Bereich des Asyl- und Aufenthaltsrechts keine Chance gegeben hätte, [Amri] in Haft zu nehmen.“ … Zudem habe der „Al-Capone-Effekt“ gefehlt. Wenn Amri schon nicht wegen staatsgefährdender Straftaten hätte belangt werden können, dann doch wegen seiner kriminellen Taten, etwa in einem Sammelverfahren.“ (dpa 13.2.1017)

Der Al-Capone-Effekt ist kein zentraler soziologischer Handlungseffekt wie das -> Thomas-Theorem. Sondern ein Handlungstheorem im Bereich mittlerer Reichweite wie der Matthäus-Effekt, der Fahrstuhl-Effekt, der Bumerang-Effekt, der Mephisto-Effekt, der Jesaja-Effekt oder der Rebecca-Effekt.

Literatur   The Capone Effect: http://thecaponeeffect.weebly.com/the-capone-effect.html – Robert J. Schoenberg; Al Capone. Die Biographie (2001) – https://en.wikipedia.org/wiki/Al_Caponehttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Al_Capone&oldid=162838829 – Deutsche Presse Agentur (dpa) 13.2.2017 – FALL AMRI: http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/sondersitzung-des-innenausschusses-zum-fall-amri-14436764.html; http://www.wn.de/Welt/Thema/2695544-Sondersitzung-Innenausschuss-Fall-Amri-Union-haelt-Vorwuerfe-gegen-NRW-aufrecht– SZ 26.3.2017: http://www.sueddeutsche.de/politik/nach-berlin-attentat-durch-anis-amri-mit-dem-al-capone-prinzip-gegen-gefaehrder-1.3437135

https://soziologieheutebasiswissen.wordpress.com/2015/02/26/thomas-theorem/

Richard Albrecht 3.2017

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Über bjh

Das Fachmagazin soziologie heute erscheint seit Oktober 2008 zweimonatlich, widmet sich aktuellen soziologischen Themen und bereitet diese allgemein verständlich auf. Als dzt. größtes soziologisches Fachmagazin im deutschsprachigen Raum ist es dem Herausgeber ein Anliegen, den Kontakt mit Nachbardisziplinen zu pflegen und Vernetzungen zu fördern. Näheres unter: www.soziologie-heute.at

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