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Ibn Khaldun (1332-1406)

Auszug aus: soziologie heute, Nr. 43/2015 (von Bernhard Hofer)

Der 1332 in Tunis geborene Berber Ibn Khaldun– sein voller Name lautet Wali ad-Din Abd al-Rahman Ibn Muhammad Ibn Muhammad Ibn Abi Bakr Muhammad Ibn al-Hasan –  war Historiker und Politiker; für manche gilt er auch als Begründer der Soziologie.

Seine Autobiographie liest sich wie ein Abenteuerroman. Aus einer adeligen Familie stammend studierte er bei den damals besten Lehrern Nordafrikas den Koran, arabische Sprachwissenschaft, Hadith (Überlieferungen des Propheten Mohammed), Jurisprudenz, Mathematik, Logik und Philosophie. Die Jahre nach dem Studium verbrachte er in zahlreichen hohen Ämtern in diversen Herrscherhäusern, engagierte sich aktiv in der Politik und erfolgreich als Diplomat. Das damalige Nordafrika war von drei sich einander konkurrierenden Dynastien beherrscht und litt zudem unter ständigen Einfällen der benachbarten Berberstämme. Sein wechselseitiges politisches Engagement brachte Ibn Khaldun u. a. an den Hof in Fès, nach Granada, zu den Berberstämmen, nach Tunis, Alexandria und Kairo. Noch ziemlich am Beginn seiner Karriere – als Folge einer seiner Intrigen – kam er auch für 22 Monate ins Gefängnis. Seine letzten fünf Jahre verbrachte er in Kairo als Lehrer und Richter. Hier vollendete er auch seine Autobiographie und sein Hauptwerk, bevor er im Jahre 1406 starb.

Was ihn für die Soziologie besonders interessant macht, ist sein Hauptwerk, welches ursprünglich als Geschichte der Berber konzipiert war, von Ibn Khaldun aber so erweitert wurde, dass es letztlich eine Art „Universalgeschichte“ darstellt. Diese Universalgeschichte (Kitab al-´Ibar) besteht aus insgesamt sieben Büchern, wobei das erste Buch, die „Muqaddima“ als das wohl bedeutendste und auch als eigenständiges Werk gilt. In diesem Werk analysiert er die islamische Geschichte und geht den Ursachen historischer Entwicklungen auf den Grund. Dies war für die damals übliche Geschichtsschreibung ein Novum. So geht er beispielsweise auf die Staatsmacht, ihre Wurzeln und ihre Legitimität näher ein und sieht in solidarischen Gemeinschaften die Voraussetzung für die weltliche Macht und damit der Grundlage jeder Zivilisation. Er beschreibt den Aufstieg und Fall von Zivilisationen und konstatiert einen zentralen sozialen Konflikt („Stadt“ gegen „Wüste“) und eine Theorie des zwangsläufigen Herrschaftsverlustes von Städteeroberern aus der Wüste. Seiner Analyse zufolge sind Bewohner der ländlichen Regionen stärker im Glauben verwurzelt, die Stadtbewohner hingegen werden über Generationen hinweg immer dekadenter und korrupter und gehen damit auch ihres solidarischen Gemeinschaftsgefühls – der Voraussetzung von Macht und Machterhalt –  verlustig (Generationenkonzept). Damit werden letztere zu leichten Angriffszielen seitens aggressiver ländlicher Gruppen.

Die Bücher zwei bis fünf behandeln die Geschichte der Menschheit bis zur Zeit Ibn Khalduns; in den Bänden sechs und sieben beschreibt er – basierend auf seinen Studien bei den Berberstämmen in Nordafrika – die Geschichte der Berbervölker und des Maghreb.

Ibn Khaldun hatte in der Geschichte des muslimischen Denkens weder bedeutende Vorgänger noch Nachfolger, dennoch übte er einen starken Einfluss auf die Geschichtsschreibung der nachfolgenden Jahrhunderte aus. Weltweite Anerkennung wurde ihm allerdings erst im Jahre 1860, als eine komplette Übersetzung des Muqaddima in französischer Sprache erschien, zuteil.

 

Literatur:

Ibn Khaldun: al-Ta´rif be-ibn Khaldun wa rihlatuhu gharban wa-sharqan. Hrsg. von Muhammad ibn Tawit-al-Tanji. Kairo 1951 (Autobiographie)

Ibn Khaldun: Die Muqaddima: Betracvhtungen zur Weltgeschichte. Übertragen und mit einer Einführung von Alma Giese unter Mitwirkung von Wolfhart Heinrichs. Beck, München 2011.

Eine englische Fassung der Muqaddima ist unter flgd. Link abrufbar: https://asadullahali.files.wordpress.com/2012/10/ibn_khaldun-al_muqaddimah.pdf

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Über bjh

Das Fachmagazin soziologie heute erscheint seit Oktober 2008 zweimonatlich, widmet sich aktuellen soziologischen Themen und bereitet diese allgemein verständlich auf. Als dzt. größtes soziologisches Fachmagazin im deutschsprachigen Raum ist es dem Herausgeber ein Anliegen, den Kontakt mit Nachbardisziplinen zu pflegen und Vernetzungen zu fördern. Näheres unter: www.soziologie-heute.at

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