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Marie Jahoda (1907-2001)

Auszug aus soziologie heute, Heft Nr. 5:

Bis vor einigen Jahrzehnten war es nur wenigen Frauen vergönnt, einen Lehrstuhl im Bereich der Sozialwissenschaften zu besetzen. Marie Jahoda war eine der ersten und zugleich Pionierin der qualitativen Sozialforschung. Im Nachkriegs-Österreich lange vergessen, erinnert man sich heute wieder gerne und voller Stolz an die einstige Wiener „revolutionäre” Sozialistin und Sozialforscherin.

Marie Jahoda kommt am 26. Januar 1907 in Wien als drittes von vier Kindern einer jüdischen Kaufmannsfamilie zur Welt. Schon während ihrer Schulzeit engagierte sie sich für die Arbeiterbewegung, hielt Bildungsvorträge und leitete Jugendabende. Mit 17 Jahren wurde sie Obfrau der Vereinigung Sozialistischer Mittelschüler, verfasste Beiträge für die Zeitschrift des Bundes Sozialistischer Mittelschüler Österreichs. 1926 begann sie mit dem Studium der Psychologie an der Universität Wien, heiratete Paul Lazarsfeld und gebar eine Tochter. 1932 schrieb Jahoda ihre Dissertation über „Anamnesen im Versorgungshaus” und war mit 25 Jahren eine der jüngsten Doktorinnen Österreichs. Im gleichen Jahr führte sie gemeinsam mit einem Team der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle der Universität Wien die erste große empirische Studie über die Folgen langer Arbeitslosigkeit durch. Diese wohl bekannteste sozialpsychologische Studie wurde 1933 unter der Bezeichnung „Die Arbeitslosen von Marienthal” von Paul Lazarsfeld, Marie Jahoda und Hans Zeisel veröffentlicht und zählt heute zu den Klassikern der empirischen Sozialforschung. 1934 wurde die Ehe mit Paul Lazarsfeld geschieden, zwei Jahre später Jahoda wegen ihrer Untergrundtä- tigkeit für die revolutionären Sozialisten verhaftet. Nach rund neun Monaten kam sie schließlich wieder frei. Ihr wurde die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt und sie musste das Land verlassen. In England arbeitete sie während des Zweiten Weltkrieges u.a. für den Propagandasender „Radio Rotes Wien”. 1945 führte sie schließlich ihr Weg nach New York, wo sie an der New York School for Social Research als Professorin für Sozialpsychologie bis 1958 lehrte. Inzwischen wieder verheiratet lehrte sie am Brunel College of Advanced Technology in Uxbridge bei London. Als erste Frau Englands hatte sie von 1965 bis 1973 einen Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Universität von Sussex inne. 1998 erhielt Jahoda von der Johannes-Kepler-Universität Linz die Ehrendoktorwürde verliehen. Am 28. April 2001 verstarb Marie Jahoda in Keymer, Sussex. 2003 wurde die Sozialforscherin posthum durch die Benennung einer zweisprachigen Wiener Volksschule in „Marie Jahoda-Schule” geehrt. Für Jahoda bedeutete Sozialpsychologie das gleichzeitige Verstehen des Individuums und der sozialen Struktur. In ihrer Dissertation erweiterte sie den Ansatz der Lebenslaufforschung Charlotte Bühlers auf untere soziale Schichten. Der Endbericht der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal” wurde zum Großteil von Marie Jahoda selbst verfasst. Indem die Forschergruppe neue, originelle und vielseitige Methoden anwandte, welche sich aus der jeweiligen Situation ergaben, unterschied sich diese Untersuchung von allen bis dahin üblichen. Jahoda war zutiefst davon überzeugt, dass man die Erkenntnisse nicht allein durch quantitative Daten gewinnen könne, sondern zu den Menschen selbst gehen, mit ihnen leben und ihnen vor allem verständlich bleiben müsse. Bereits damals kamen Methoden, welche heute unter der Bezeichnung Biographieforschung, Oral History, Aktionsforschung oder offene Befragung bekannt sind, zur Anwendung. Marie Jahoda wurde somit eine der PionierInnen der qualitativen Sozialforschung.

„Nicht alles war gut in Österreich, nicht alles war gut in der sozialdemokratischen Partei, aber wir haben damals in dem Glauben gelebt, wenn man das Böse und Schlechte bloßstellt, damit auch schon zu seiner Veränderung beizutragen.”

Marie Jahoda anlässlich einer Feier zum 40. Geburtstag der Zweiten Republik

Noch mehr und vor allem vertiefende Informationen finden Sie bei Reinhard Müller unter: http://agso.uni-graz.at/marienthal/biografien/jahoda_marie.htm

Marie Jahoda (*26.1.1907 Wien †28.4.2001 Keymer, Sussex) war eine österreichische Sozialpsychologin, der Arbeiterbewegung verbunden, politisch in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, bei den revolutionären Sozialisten sowie bei der Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten engagiert. Sie gilt als Haupautorin der richtungsweisenden Studie Die Arbeitslosen von Marienthal als grand old dame der sozialwissenschaftlichen Arbeitslosigkeitsforschung. Promotion 1932 Universität Wien. 1933-36 Arbeit an Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle Wien. 1936 Festnahme wegen illegaler politischer Arbeit, nach neun Monaten entlassen, Verlust der österr. Staatsbürgerschaft, Emigration ins Vereinigte Königreich. 1945 Emigration in die USA, Dozentin an der University in Exile, New York. 1958 Rückkehr nach England. Zunächst Dozentin, 1962-73 Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Universität Sussex.

Literatur (Auswahl): Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit [1933]. Frankfurt/Main ³1975; A Social-psychological Approach to the Study of Culture; in: Human Relations, 14 (1961) 1: 23-30; The Social Psychology of the Invisible. An Interview; in: New Ideas in Psychology, 4 (1986) 1: 107-118; Ich habe die Welt nicht verändert. Gespräch mit Marie Jahoda; in: Die Zerstörung einer Zukunft. Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern. Hg. Mathias Greffrath. Frankfurt/M. 1989: 95-136; Sozialpsychologie der Politik und Kultur. Hg. Christian Fleck. Graz-Wien 1994. – Weiterführend zur Marienthal-Studie: Einstweilen wird es mittag. Film von Karin Brandauer (1985; Erstsendung ÖR 1988) R. Albrecht, Zukunftsperspektiven: Arbeitslosigkeit – Subjekt- und Realanalyse; in: FORUM WISSENSCHAFT, 24 (2007) 1: 61-63 [http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/527598.html]; R. Müller, Marienthal. Das Dorf – Die Arbeitslosen – Die Studie. Innsbruck etc. 2008; sowie allgemein ders, Biobibliographie [2010] http://agso.uni-graz.at/marienthal/biografien/jahoda_marie.htm

 

siehe auch unter: Ausgewählte Videos

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Über bjh

Das Fachmagazin soziologie heute erscheint seit Oktober 2008 zweimonatlich, widmet sich aktuellen soziologischen Themen und bereitet diese allgemein verständlich auf. Als dzt. größtes soziologisches Fachmagazin im deutschsprachigen Raum ist es dem Herausgeber ein Anliegen, den Kontakt mit Nachbardisziplinen zu pflegen und Vernetzungen zu fördern. Näheres unter: www.soziologie-heute.at

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