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Identitätsillusion

Der österreichische Fachphilosoph und sozialwissenschaftliche Systemtheoretiker Peter Heintel (*1940) erinnerte an die grundlegende Subjekt-Objekt-Problematik der Philosophie und betonte die Nichtidentität von Subjekt und Objekt; wobei Theodor W. Adorno Identität als „Urform von Ideologie“ galt und Ernst Bloch in der Sprache das „Vermittlungsobjekt zwischen Subjekt und Objekt“ sah. Heintel kritisiert/e einen alternativlos erscheinenden Status Quo mit seinen objektivierten Systemimperativen und plädierte zugleich, auch als Beitrag zur theoretisch-sozialphilosophischen und praktisch-sozialwissenschaftlichen Forschung, für Brüche mit diesem hermetischen Objektivismus durch grundlegende Subjektivierung: einmal mit Wilhelm Berger grundlegend auf einer allgemeinen sozialphilosophischen Ebene: „für die Philosophie genügt es nicht, beim Nichts angelangt zu sein. Man braucht neue Sicherheiten und Verbindlichkeiten und eine neue Organisationswahrheit“; zum anderen systemtheoretisch (1989) für ein neues historisches, gegen alle Entsubjektivierung(en) kämpfendes Subjekt. Dieses soll sowohl die nicht mehr systemrelevanten vereinzelte Subjekten als „vereinzelte einzelne“ (Karl Marx) organisierend aktivieren als auch die mit Weiterentwicklung seiner Teilsysteme zunehmend nicht mehr kontrollierbare, wahrscheinlicher werdende Selbstvernichtung des Hauptsystems umkehrbar machen. Auf der dritten Ebene konkretisiert/e Heintel (2005) seinen entobjektivierenden Ansatz als im Feld des Subsystems Wissenschaft angesiedeltes operatives Programm einer neuen subjektivierten Wissenschaft.

Heintels operativer Ansatz Über eine neue Wissenschaft (2005) nimmt den Gesichtspunkt „Umkehr der Verhältnisse, neues Erkennen und Begreifen“ als „Subjektivierung der bisherigen Forschungsobjekte“ aus der Organisation der Philosophen wieder auf und geht über bisherige innovative Ansätze wie forschungsrelevante Gruppendiskussionen, responsive Evaluierungen und (methodologisch bisher unbearbeitete) Aktions- und Handlungsforschungen hinaus. Ausgangspunkt ist die nicht nur für Geschichtsschreibung wirksame Identitätsillusion des Wie-es-doch-war. Kritiktopoi dominanter Wissenschaftspraxis sind die „Herrschaft der Quantität“ und ihr galileischer Grundsatz „Was messbar ist, messen; was nicht messbar ist, messbar machen“, Objektivierung, Spezialisierung, Logik, Kausalität, definiter Raumzeitlichkeit, Analytik, Sichtbarkeit und expertenbestimmte Arbeitsteilung. Darauf beruhen szientifische Selbstideologisierungen als Weiterführung der Identitätsillusion: „Die sogenannte Wertfreiheit als Entsubjektivierung, die Evidenz der Axiome, die Verschleierung der Idealtypik der jeweiligen experimentellen Situation“.

Peter Heintel, Notizen zur Frage nach dem historischen Subjekt. St. Pölten 1989; ders., Über eine neue Wissenschaft; in: Öffentliche Meinung zwischen neuer Wissenschaft und Religion. Ferdinand Tönnies´ “Kritik der öffentlichen Meinung“ in der internationalen Diskussion. Hg. Rolf Fechner et.al. München-Wien 2005: 249-262; Wilhelm Berger; ders., Die Organisation der Philosophen [1990]. Frankfurt/M. ²1998.

Richard Albrecht [5.2015]

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Über bjh

Das Fachmagazin soziologie heute erscheint seit Oktober 2008 zweimonatlich, widmet sich aktuellen soziologischen Themen und bereitet diese allgemein verständlich auf. Als dzt. größtes soziologisches Fachmagazin im deutschsprachigen Raum ist es dem Herausgeber ein Anliegen, den Kontakt mit Nachbardisziplinen zu pflegen und Vernetzungen zu fördern. Näheres unter: www.soziologie-heute.at

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