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Deprivation

In der sozialwissenschaftlichen Begriffssprache schließt Deprivation an das Bedeutungsfeld von Verlust, Mangel und Entbehrung an. Relative Deprivation meint seit den historisch-empirischen Studien von Runciman (1972) und Townsend (1979) zur Armut in Großbritannien nicht mehr traditionelle Formen von Armut und Verelendung, sondern zeitgenössische, Formen und Praxen ökonomisch begründeter kultureller Ausgrenzung und sozialer Ausschließung vom vorhandenen gesellschaftlichen Reichtum und gegebenen Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung. Dies schließt auch psychosoziale Bedürfnisse, z. B. nach subjektiver Anerkennung oder Wertschätzung, ein. Entsprechend meint psychische Deprivation besondere subjektive Wirksamkeiten allgemeiner sozialer Mängellagen auf die Lebensweise von Individuen, denen wesentliche und sozial akzeptierte Formen alltäglicher Lebensführung entzogen sind. Das umfassende sozialwissenschaftliche Leitkonzept relativer Deprivation

wird in der kritischen Armutsdiskussion angewandt, etwa um zunächst unsichtbare existentielle Mängellagen zu erkennen, empirisch zu dimensionieren und für Armutsberichte zu quantifizieren.
Townsend meint mit relativer Deprivation «das Fehlen oder die Verknappung von Nahrungsmitteln, Annehmlichkeiten, soziokulturellen Standards’, Dienstleistungen und Handlungsformen, die eine Gesellschaft kennzeichnen und allgemein vorhanden sind. Die Menschen, die diese Lebensbedingungen, welche erst Gesellschaftsmitglieder ausmachen, nicht haben und denen sie fehlen, leben in Armut» (1979).
Wie auch immer wissenschaftlich über empirische Bestimmungen aller historisch-konkreter relativer Deprivation und damit der Armutsgrenze gestritten werden mag – entscheidendes Merkmal des Konzepts ist die soziale Ausschließung von Menschen von gesellschaftlichen Lebenschancen, sozialen Lebensformen und kulturellen Handlungspraxen.

Richard Albrecht

(Quelle: Psychologische Grundbegriffe. Ein Handbuch. Hg. Siegfried Grubitsch / Klaus Weber. Reinbek: Rowohlt,
1998, S, 99 [ = rowohlts enzyklopädie 55588]. – Zur WeiterLese: Runcilnan, W. C. (1972), Relative Deprivation
und Social Justice. Harmondsworth; Townsend, P. (1979), Poverty in the United Kingdom. Harmondsworth;
Walper, S. (1988). Familiäre Konsequenzen ökonomischer Deprivation. München / Weinheim; Albrecht, R., Von
den Selbstheilungskräften zu den Selbstabschaffungstendenzen des Marktes. Zur Kritik des real-existierenden
Kapitalismus; in: Gewerkschaftliche Monatshefte (GMH) 8/1991, S. 508-515 ->
http://www.forced-labour.de/archives/1267#more-1267; Albrecht, R., Alte Armut – Neue Armut. Theoretische und empirische Aspekte
des Pauperismus; in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung,
42 (2006) 2/3: 145-161 -> http://www.forced-labour.de/wp-content/uploads/2008/10/alte-neue-armut-dra-2008-23-p.pdf

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Über bjh

Das Fachmagazin soziologie heute erscheint seit Oktober 2008 zweimonatlich, widmet sich aktuellen soziologischen Themen und bereitet diese allgemein verständlich auf. Als dzt. größtes soziologisches Fachmagazin im deutschsprachigen Raum ist es dem Herausgeber ein Anliegen, den Kontakt mit Nachbardisziplinen zu pflegen und Vernetzungen zu fördern. Näheres unter: www.soziologie-heute.at

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