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Klassiker

Platon (428/429-348/347 v. Chr.)

Geboren wurde der Philosoph 428 oder 427 v. Chr. als Sohn wohlhabender Eltern in Athen. Kindheit und Jugend fielen in die Zeit des Peloponnesischen Krieges (431 – 404 v. Chr.), der mit der Kapitulation seiner Heimatstadt endete. Die politischen Erschütterungen, der Niedergang der athenischen Demokratie bewirkten in ihm eine äußerst skeptische Haltung gegenüber eben jener „Staatsform”. Wahrscheinlich 407 schloss er sich dem Kreis um Sokrates an. 348 oder 347 v. Chr. starb er in Athen. Von seiner Akademie, der ältesten Philosophenschule Griechenlands, verbreitete sich der Platonismus und wurde wohl zum wirkmächtigsten Gedankengebäude der ganzen Geschichte.

Freilich begegnet man bei der Beschäftigung mit Platon erheblichen Schwierigkeiten: statt ein einheitliches System vorzulegen, setzt er in beinahe jedem Dialog neu an; eine einheitliche Terminologie lässt sich nicht finden; manches mit großem Ernst Präsentierte erweist sich bei näherem Hinsehen als Scherz; und schließlich tragen absichtliche oder ungeplante Trugschlüsse zusätzlich zur Verwirrung bei.

„Idee” wird bei Platon zu dem, was wahrhaft ist, zum Ewigen, Unwandelbaren. Wirklich wissen könne man, so meint er, nur das, was sich nicht ändert. Alles andere entziehe sich der Vernunft. So trennt er die bloße Meinung und die sinnliche Wahrnehmung von den Ideen, die sich nur mit den „Augen des Geistes” erkennen lassen. Die sinnliche Sichtbarkeit also ist der Idee von Platon abgesprochen, eine übersinnliche allerdings spricht er ihr zu – sie gilt ihm als intelligibel. Nun sind aber die Ideen bei Platon nicht nur etwas anderes (und zwar etwas höheres und besseres) als die materiellen Erscheinungen, sie sind auch Grund oder Ursache der letztgenannten. Als unvollkommene Nachbilder gleichen die Erscheinungen den Ideen. Der von der Mathematik begeisterte Platon erläutert dieses Verhältnis mit dem gezeichneten Kreis, der immer nur bloß eine Annäherung an die reine Idee des Kreises ist.

Sinn der Idee ist, so meint unser Philosoph, die Einheit des Verschiedenen, dem entsprechend müssen zwei einander ähnliche Dinge an ein und derselben Idee teilhaben. Diese Einheit nun kann aber nicht vom Menschen hergestellt werden – Gott macht die Ideen. Und von diesem Gedanken ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, die Ideen als Grund für die Ordnung des Universums zu halten. Wenn nun die Erscheinungen von den Ideen ausgehen, dann müsste man umgekehrt von den Erscheinungen auch wieder zu den Ideen gelangen. So sind die Erscheinungen zweierlei: sie sind einerseits Anhaltspunkte, anderseits aber Hindernisse auf dem Weg zu den Ideen. Und Plato ist überzeugt davon, dass man zu diesen Ideen nicht so einfach vordringen kann – vielmehr müsse man die Idee schon mitbringen, um allgemeine Züge an Einzelnen zu erkennen. Dies sieht er dadurch ermöglicht, dass die Seele des Menschen sich nicht nur einmal auf der Erde befinde – Wiedergeburt und Seelenwanderung sind Bestandteil seiner Philosophie. In der früheren Existenz, vor der Geburt, schreibt er der Seele die Fähigkeit zur unmittelbaren Schau der Ideen zu. So kann also der Mensch früher erworbenes, aber zwischenzeitlich vergessenes Wissen erinnern. Doch hat das Ganze recht wenig mit irgendeiner mystischen, schwammigen Ideenschau zu tun.

Die Ideen stehen, so lässt sich leicht erkennen, nicht einfach nebeneinander, einige schließen einander sogar aus. Und diese Ordnung der Ideen will Platon mit der philosophischen Methode der Dialektik ausfindig machen. Die Dialektik, die Kunst des richtigen Fragens und Antwortens, wird bei Platon zur Philosophie im eigentlichen Sinne. „Dialektische Erkenntnis” befasst sich erstens mit dem Unterscheiden nach Gattungen (um zu vermeiden, dieselbe Idee für eine andere zu halten), zweitens verknüpft sie (um eine gegebene Mannigfaltigkeit einheitlich zu begreifen und zu bezeichnen). Die Dialektik erwächst aus dem Dialog. In ihm werden die Ideen kritisch geprüft. In dieser Prüfung soll sich herausstellen, welche Gliederungen in der Sache begründet sind, und welche bloß auf Worten oder auf Konventionen beruhen. Die Wissenschaft der Dialektik dringt zum Seienden und zum Guten vor und schreitet von dort wieder zurück durch den Bereich der gegliederten Wahrheiten. Dieses Vordringen zur obersten Idee und der sich anschließende Abstieg sind deshalb möglich, weil Platon das Reich der Wahrheiten als wie eine Pyramide geordnet sieht, über der das Gute steht.

Die Idee des Guten, so Platon, unterscheidet sich von allen anderen Ideen, sie konstituiert Sein und Wesen jener, ohne aber selbst Sein und Wesen zu sein. Sie ist für ihn die oberste Idee, von der das Licht der Wahrheit ausgeht. Die Wahrheit, so lesen wir in Platons Sonnengleichnis, lässt das Seiende erkannt werden. Und wie das Sonnenlicht nicht nur Ursache des Sichtbarwerdens der sichtbaren Dinge ist, sondern auch Werden und Wachstum herbeiführt, so lässt das vom Guten ausgehende Licht der Wahrheit die Ideen als Wahrheiten sein. So ist also Wahrheit einmal (nämlich: ontologisch) das von der Idee des Guten Ausstrahlende, sie ist aber auch (nämlich: gnoseologisch) das, was das Seiende erkennbar macht.

Es ist deutlich, dass die Platonische Dialektik der Sokratischen Mäeutik ähnelt, doch geht Platon als Schüler des Sokrates über diesen hinaus. Fragt der Vorgänger „nur” nach Gründen, so verschränkt sein Nachfolger Dialektik mit Ontologie: bei Platon sind die Ideen nicht mehr bloß Maßstäbe, sondern zugleich das eigentlich Seiende. So werden die Erscheinungen kritisierbar durch den Aufweis, dass und in welchem Maß sie hinter dem wahren Sein, den Ideen, zurückbleiben.

Literaturtipps:

Eigler, Gunther (Hg.), Plato. Werke in 8 Bänden, Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft

Bormann, Karl, Platon: Die Idee, in: Speck, Josef (Hg.), 2001: Grundprobleme der großen Philosophen. Philosophie des Altertums und des Mittelalters, 5. Aufl., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

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Über bjh

Das Fachmagazin soziologie heute erscheint seit Oktober 2008 zweimonatlich, widmet sich aktuellen soziologischen Themen und bereitet diese allgemein verständlich auf. Als dzt. größtes soziologisches Fachmagazin im deutschsprachigen Raum ist es dem Herausgeber ein Anliegen, den Kontakt mit Nachbardisziplinen zu pflegen und Vernetzungen zu fördern. Näheres unter: www.soziologie-heute.at

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