du liest...
Klassiker

John Stuart Mill (1806-1873)

John Stuart Mill wurde am 20. Mai 1806 in London geboren und starb am 8. Mai 1873 in Avignon. Sein Vater war James Mill (seine Mutter Harriet Murrow), dessen philosophischer Radikalismus – er gilt neben Jeremy Bentham als Begründer des Utilitarismus – die Erziehung stark beeinflusste. Schon als hochbegabtes (vielleicht geniales) Kind studierte er die griechischen Philosophenklassiker. Nachdem er im Alter von 13 Jahren einen Kurs in politischer Ökonomie absolviert hatte, studierte er in Montpellier Chemie, Zoologie, Mathematik, Logik und Metaphysik. In Frankreich traf er nun auch Vertreter des Liberalismus und begeisterte sich für die Ideale der Revolution von 1789. Nach seiner Rückkehr nach England 1821 beschäftigte er sich mit den Schriften Benthams. Er begeisterte sich für dessen Nützlichkeitsprinzip und gründete die „Utilitaristische Gesellschaft”. Drei Jahre danach rief er eine „London Debating Society” ins Leben, in deren Rahmen er sich für die „reine Demokratie” und gegen die „schädlichen Einflüsse der Aristokratie” engagierte.

Ab Mai 1823 arbeitete John Stuart für die East India Company und stieg rasch in verantwortungsvolle Positionen auf. 1830 lernte er die Frauenrechtlerin Harriet Taylor kennen, die er 1853 nach dem Tod ihres ersten Mannes auch heiratete. Kurz nach der Pensionierung Mills im Winter 1858/59 verstarb seine Frau. 1865 zog er für die liberalen Whigs in das Parlament. 1866 führte man vor allem dank seines Einsatzes das Wahlrecht für Frauen ein. Nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament 1868 zog sich John Stuart Mill nach Avignon zurück. Dort redigierte er seine Autobiographie sowie Werke seines Vaters und starb am 8. Mai 1873.

Utilitarismus

Jeremy Bentham und James Mill diente das Nutzenprinzip nicht bloß zur Erklärung beobachtbaren Verhaltens, sie bauten es zu einem ethischen Postulat aus. Jede Handlung solle, so Bentham, danach beurteilt werden, ob sie bei den Betroffenen Freude oder Leid hervorruft, wobei er allerdings auch Lüste, die nicht auf kurzfristigen Empfindungen beruhen, anerkennt. Ziel menschlichen Handelns sei das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl.

John Stuart Mill übernahm zunächst recht weitgehend diese Überzeugungen. Doch auftretende Depressionen veranlassten ihn schließlich, sich von seines Vaters Utilitarismus zu distanzieren. Nach James Mill wäre ja nützliches Handeln stets an Lustgewinn geknüpft, während Leid und Schmerzen als Ausdruck unnützer und schädlicher Aktivitäten zu deuten wären. John Stuart aber war nicht bereit, seine berufliche Tätigkeit als unnütz oder gar schädlich zu bewerten, seine Depressionen passten also nicht in dieses Deutungsschema.

Infolge dessen modifizierte nun John Stuart Mill das Nutzenprinzip. Es gilt, so meinte er, nicht ausschließlich die Quantität der Lust, sondern auch die Qualität derselben zu berücksichtigen. Der Maßstab, mit dem die Qualität gemessen und mit dem die Quantität verglichen wird, ist nach ihm die Bevorzugung derer, die ihrem Erfahrungshorizont nach die besten Vergleichsmöglichkeiten besitzen.

Über Freiheit

Die Freiheit ist für John Stuart Mill der erste und stärkste Wunsch der menschlichen Natur, und sie darf ihm zufolge nur zum Schutze von Personen eingeschränkt werden. Sie umfasst bei ihm Gewissensfreiheit, freie Wahl der Lebensgestaltung und Vereinigungsfreiheit. Weder einzelne Menschen noch Staaten dürfen Menschen zu irgendetwas zwingen, und sei es, um ihn/sie dadurch besser oder glücklicher zu machen. Dabei gibt er allerdings zu bedenken, dass Kinder und geistig Kranke von diesem Grundsatz auszuschließen seien.

Als Individuum darf, so Mill, der Mensch nach innen völlig ungehindert handeln. Doch er ist ja nicht nur Individuum, sondern auch Teil der Gesellschaft, und dieser schreibt er ebenfalls ein Recht auf einen Anteil am menschlichen Leben zu. So seien die Interessen der anderen durch das Handeln einzelner nicht zu schädigen. Außerdem sieht er die Verpflichtung des einzelnen, einen Teil der Kosten, die der Gesellschaft für die Bereitstellung ihrer Leistungen anfallen, zu übernehmen.

Mill warnt in Hinsicht der Meinungsfreiheit nicht nur vor einem den Bürger einschränkenden Staat, sondern auch vor der Gesellschaft, die mit ihren schier unbeschränkten Sanktionsmöglichkeiten (soziale Ächtung, Ausgrenzung usw.) erheblichen Druck auf den einzelnen ausüben könne.

Sozialer Liberalismus

In die Diskussion um die Steuertheorie forciert Mill die sogenannte „Opfertheorie”. Diese plädiert für die Berücksichtigung unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit bei der Steuerbemessung und fordert, dass die Steuerbelastung jedes einzelnen möglichst gleich sei. Es ist wohl leicht, sich vorzustellen, dass im England des 19. Jahrhunderts derartige Positionen einen schweren Stand hatten. Und entsprechend erging es John Stuart Mill. Sein Eintreten für ein steuerfreies Existenzminimum, sein Kampf gegen die nach seiner Überzeugung zu hohen Verbrauchssteuern auf Nahrungs- und Genussmittel sowie seine Forderung einer progressiven Besteuerung fanden erheblich mehr Gegner als Befürworter. Wohl aus Einsicht in die Unmöglichkeit, eine umfassende Einkommensbesteuerung einzuführen, lenkte er seine Aufmerksamkeit auf die Luxussteuer – da Luxuskonsum nur geringen Nutzen schaffe (eine Überzeugung, die sich ganz ähnlich bei Adam Smith findet), könne und solle dieser auch hoch besteuert werden. Und auch die Erbschaft kommt im Denken Mills nicht ungeschoren davon. Weil er sich davon eine Wohlfahrtssteigerung verspricht, empfiehlt er die Besteuerung von Erbschaften und, jenseits eines festzulegenden Höchstbetrags für empfangene Erbschaft, deren gleichmäßige Aufteilung.

Bei all dem sollte man allerdings nicht aus dem Blick verlieren, dass Mill als Utilitarist keine grundsätzliche Verpflichtung sieht, Armut und Ungerechtigkeit zu beseitigen. Ihm geht es, wie erwähnt, um das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl. So spricht er sich zunächst gegen die Hilfe für die Armen aus, weil er meinte, Robert Malthus folgend, diese würde zu noch größerem Bevölkerungswachstum und damit zu mehr Elend führen. Erst als er sich zur Überzeugung durchrang, dass durch höhere Bildung und bessere Lebensbedingungen auch das Bevölkerungswachstum in den Griff zu bekommen wäre, sprach er sich für die Armenhilfe aus. Er blieb aber auch dann noch bei seiner Überzeugung, dass man dabei der Gefahr des Neids zu begegnen habe. Armenfürsorge sollte nicht dazu führen, Arbeitsanreize zu zerstören. Die Bedingungen der Hilfe für arbeitsfähige Arme sollten genauso hart sein wie die der schlechtesten auf dem freien Markt.

Literatur:

Mill, John Stuart, 1911 (1843): A system of logic, ratiocinative and inductive, London u. a.: Longmans, Green

-, 1998 (1859): On Liberty and Other Essays, New York: Oxford University Press

-, 1969 (1861): Utilitarianism, London: Fontana

-, 1989 (1873): Autobiography, London: Penguin

Claes, Gregory (Hg.), 1987: Der soziale Liberalismus John Stuart Mills, Baden-Baden

aus: soziologie heute, Feber 2011, von Alfred Rammer
Advertisements

Über bjh

Das Fachmagazin soziologie heute erscheint seit Oktober 2008 zweimonatlich, widmet sich aktuellen soziologischen Themen und bereitet diese allgemein verständlich auf. Als dzt. größtes soziologisches Fachmagazin im deutschsprachigen Raum ist es dem Herausgeber ein Anliegen, den Kontakt mit Nachbardisziplinen zu pflegen und Vernetzungen zu fördern. Näheres unter: www.soziologie-heute.at

Diskussionen

Es gibt noch keine Kommentare.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: