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Klassiker

David Hume (1711-1776)

David Hume wurde am 26. April 1711 als zweitältester Sohn eines verarmten schottischen Adeligen in Edinburgh geboren, und studierte nach Abschluss seiner Schulausbildung zunächst Rechtswissenschaft. Schon nach kurzer Zeit brach er jedoch dieses Studium ab, um sich der Philosophie und Literatur zuzuwenden. Auch eine kurzfristig ausgeübte kaufmännische Tätigkeit konnte ihn nicht befriedigen, und so ging er 1737 nach Frankreich, um an seinem Erstlingswerk A Treatise of Human Nature zu arbeiten. 1739/40 wurde das Buch in London schließlich veröffentlicht, doch fand es in dieser Form keine Akzeptanz, eher die „Gegnerschaft der Schulmetaphysiker…, die hier die traditionellen Fundamente ihres Denkens gründlich erschüttert sahen.”1

1748 veröffentlichte er schließlich das Werk An Enquiry concerning human Understanding (Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand), worin er die Themen des kaum beachteten A Treatise of Human Nature in einer vereinfachten Form wieder aufgriff. Hume wurde zwar wieder von Seiten der Schulmetaphysik scharf angegriffen, regte jedoch damit wichtige Veränderungen in der nachfolgenden Philosophie an.

Als er 1754 den ersten Band der History of Great Britain veröffentlichte, erntete er beim Publikum großes positives Echo und sicherte sich damit ein ansehnliches Einkommen. In der Folge wurde Hume u. a. Botschaftssekretär in Paris, hatte Kontakte zu Jean Jacques Rousseau, und bekleidete die Stelle eines Unterstaatssekretärs im britischen Außenministerium. 1776 verstarb David Hume an den Folgen einer langandauernden chronischen Diarrhöe. Erst drei Jahre nach seinem Tod erschienen die bereits Anfang der 1750er Jahre entstandenen Dialogues Concerning Natural Religion (Dialoge über natürliche Religion).

Erkenntnistheoretische Grundlagen

In seinem Hauptwerk An Enquiry Concerning Human Understanding versucht Hume aufzuzeigen, dass alle menschlichen Bewusstseinsinhalte auf sinnlichen Wahrnehmungen basieren und alles Erkennen nur durch Verknüpfungen dieser Bewusstseinsinhalte entstehe. Nach Hume ist der ganze Stoff des Denkens aus der äußeren (outward sentiment) oder der inneren Sinnesempfindung (inward sentiment) abgeleitet. „…all our ideas or more feeble perceptions are copies of our impressions or more lively ones.”2

Nur die „impressions” (Eindrücke) sind die Ursache für „ideas”(Vorstellungen) und der Geist setzt einfache Vorstellungen zu komplexen Vorstellungen zusammen. Die Einbildungskraft verläuft nicht völlig planlos, sondern zwischen verschiedenen aufeinander folgenden Vorstellungen gibt es eine Verknüpfung (connexion), welche auf Ähnlichkeit (Resemblance), Raum-zeitliche Berührung (Contiguity) und der Ursache oder Wirkung (Cause or Effect) beruht.

Ohne Beobachtung und Erfahrung können Ursache und Wirkung nicht erschlossen werden. Dort, wo wir gleiche Eigenschaften feststellen, erwarten wir auch gleiche Prinzipien und Wirkungen, die mit den von uns erfahrenen übereinstimmen. Alle unsere Erfahrungsbeweise stützen sich auf die Ähnlichkeit, die wir zwischen Naturobjekten feststellen. Von ähnlich erscheinenden Ursachen erwarten wir ähnliche Wirkungen, und nach einiger Zeit und gesammelter Erfahrung nehmen wir aus Gewohnheit das als Ursache eines anderen Dinges an, was wir mehrmals als diesem vorausgehend beobachtet haben. Unsere Erfahrung zeigt uns jedoch nur eine bestimmte Anzahl gleichförmiger Wirkungen gewisser Dinge, die zu einer bestimmten Zeit Kräfte hatten. Aus unserer Erfahrung schließen wir, dass die Zukunft der Vergangenheit ähnlich sei und dass ähnliche Kräfte mit ähnlichen Sinnesqualitäten vorhanden sein werden. Wir brauchen also ein unbekanntes Verbindungselement, was nach Hume nicht die Vernunft sein kann.

Humes Skeptizismus

Humes Erkenntnistheorie basiert auf der Behauptung, dass mit dem Verstand lediglich Sinneseindrücke wahrgenommen werden können. Eine Existenz von materiellen Dingen außerhalb unseres Bewusstseins kann sich nur aus der Gewohnheit herleiten, was jedoch Zweifel an der Existenz dieser Dinge nicht beseitigen kann.

Indem er die mathematischen Wissenschaften mit den Geisteswissenschaften vergleicht, kommt Hume zum Schluss, dass die Vorstellungen der Mathematik stets klar und bestimmt sind, während man in der Metaphysik auf höchst dunkle und ungewisse Vorstellungen trifft. Bei außerordentlichen Phänomenen sind die Menschen nicht in der Lage, eine passende Ursache für ein eingetretenes Ereignis anzugeben und suchen dann oft nach einem unsichtbaren Prinzip, das durch die gewöhnlichen Naturgesetze nicht erklärt werden kann. Diese Unwissenheit betrifft alle Vorgänge, bei denen wir von Ursache-Wirkung sprechen oder bei denen eine Verbindung Seele-Körper zu bestehen scheint. Da wir einzig aus Erfahrung die häufige Verbindung (conjunction) von Gegenständen kennenlernen, ohne je imstande zu sein, so etwas wie Verknüpfung (connexion) zwischen ihnen zu begreifen, berufen sich viele Philosophen auf jenes Prinzip, auf welches sich gewöhnlich Sterbliche nur in Fällen berufen, die wunderbar und übernatürlich erscheinen. Sie behaupten, dass Ursachen nichts anderes als Veranlassungen sind und das Prinzip jeder Wirkung nicht eine Kraft oder Macht in der Natur ist, sondern ein Willensakt des höchsten Wesens (Gottes). Dabei zeugt es von größerer Macht der Gottheit, die Welt von Anfang an so einzurichten, dass sie ganz von selbst und durch eigene Wirksamkeit allen Absichten des Schöpfers entspricht und er nicht jeden Augenblick genötigt ist, in diese ordnend einzugreifen. Eine Erklärung liegt – so Hume – außerhalb unseres Erfahrungsbereiches und auch die Vorstellung vom Wollen Gottes ist lediglich eine Kopie der Erfahrung mit unserem eigenen Wollen und somit wenig erfassbar.

Da wir nun keine Vorstellung von etwas haben können, das sich niemals unserer äußeren oder inneren Wahrnehmung darbot, so – Humes notwendiger Schluss – haben wir auch keine Vorstellung des Zusammenhanges oder der „Kraft”. Deshalb ist seiner Meinung nach eine Verwendung dieser Worte in philosophischen Erörterungen oder im täglichen Leben auch völlig bedeutungslos.

Hume und die Gottesbeweise

In den Dialogues3erlangt das Thema „natural religion” besondere Bedeutung. „Natural religion” meint hier das Wissen, welches wir natürlich, also rein aus Vernunft, von Gott gewinnen können. Damit steht die natürliche Theologie im Gegensatz zur Offenbarungstheologie. Der natürlichen Theologie geht es um die Gottesbeweise.

Im Werk prallen insbesondere zwei Gottesbeweise, welche in der Aufklärungszeit sehr beliebt waren, aufeinander: der kosmologische (in der Argumentation des Philo) und der teleologische Gottesbeweis (in der Argumentation des Cleanthes). Beide Gottesbeweise bauen auf der Erfahrung auf, nehmen allerdings eine unterschiedliche Richtung ein. Der kosmologische Gottesbeweis orientiert sich an der Erfahrung, dass es Endliches bzw. Bedingtes gibt und nähert sich von dieser Position aus dem Unbedingten, dem Notwendigen – gemäß dem Grundsatz der Kausalität (Alle Ursache hat auch eine Wirkung). Der teleologische Gottesbeweis orientiert sich ebenfalls an einer bestimmten Erfahrung, nämlich jener der Zweckmäßigkeit bzw. der Sinnhaftigkeit. Wenn also in der Natur die eine Art die andere ernährt, so setzt dies ein göttliches Prinzip, einen Verstand oder – anders ausgedrückt – einen Weltbaumeister – voraus. Es gibt sozusagen ein „intelligent design”, einen Verstand, der all dies geplant hat. Mit dem teleologischen Gottesbeweis wird somit ein Ansatz präsentiert, der sich an den Naturwissenschaften orientiert.

Die große Bedeutung von David Hume liegt vor allem darin, dass er als einer der ersten die Erfahrung als Erkenntnisquelle in die Diskussion seiner Zeit einbringt. Er betont dabei die Wichtigkeit der Ursache-Wirkungsbeziehungen, welche uns dazu verhilft, auch über die eigenen Erfahrungen hinauszugehen. Der Empirismus ist heute in vielen Bereichen die Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens und zeigt sich nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern u. a. auch in Bereichen der Moralphilosophie, Rechtswissenschaft, Statistik, Soziologie oder der Volkswirtschaftslehre.

Literatur:

1) Herring, Herbert, in: Hume, David: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1967, durchgesehene und verbesserte Ausgabe 1982, S. 8.

2) Hume, David: An Enquiry Concerning Human Understanding, Section II, in: Harvard Classics Volume 37, P.F.Collier & Son, 1910, http:18th.eserver.org/hume-enquiry.html [Stand: 11.10.2010]

3) Vgl. Hume, David: Dialogues and the Natural History. Edited with an Introduction and Notes by J. C. A. Gaskin. Oxford University Press 1993, Neuauflage 2008

aus: soziologie heute, April 2011, von Bernhard Hofer

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Über bjh

Das Fachmagazin soziologie heute erscheint seit Oktober 2008 zweimonatlich, widmet sich aktuellen soziologischen Themen und bereitet diese allgemein verständlich auf. Als dzt. größtes soziologisches Fachmagazin im deutschsprachigen Raum ist es dem Herausgeber ein Anliegen, den Kontakt mit Nachbardisziplinen zu pflegen und Vernetzungen zu fördern. Näheres unter: www.soziologie-heute.at

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