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Umfragen

Bis vor rund 100 Jahren war man sich in Wissenschaftskreisen darüber einig, dass man in erster Linie Experten befragen müsse, um etwas Sinnvolles und Brauchbares zu erfahren. Als im Jahre 1912 Adolf Levenstein als wohl Erster die Ergebnisse seiner schriftlichen Umfrage unter Arbeitern veröffentlichte, war dies etwas Ungewöhnliches, ja fast Revolutionäres für die Forschung. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde zwar auch schon vielfach über Arbeiter geforscht; befragt wurden jedoch nur Ärzte, Beamte, Pfarrer, Industrielle – also aus damaliger Sicht sogenannte „Experten“.

Heute werden wir durch die Medien nahezu tagtäglich mit Umfrageergebnissen konfrontiert. So werden beispielsweise in Grafiken die Popularitätskurven von Politikern dargestellt, Diagramme klären uns darüber auf, wovor sich die Bevölkerung fürchtet oder ob man eher für oder gegen die EU ist. Diese Umfrageergebnisse haben zwar einen gewissen Neuigkeitswert und vermitteln dem Leser eine grobe Orientierung, zeigen ihm also, dass auch er nicht viel anders denkt als die eine oder andere befragte Gruppe oder von ihr abweicht. Nur in sehr wenigen Fällen gibt es jedoch über journalistische Kommentare hinausgehende tiefergehende Analysen.

Somit wird in der Öffentlichkeit der Eindruck verstärkt, sozialwissenschaftliche Umfragen sind nichts weiter als das Sammeln von Fakten über Durchschnittsmenschen und die Beschreibung von soziologischen oder psychologischen Tatbeständen.

Was dabei übersehen wird ist, dass in der sozialwissenschaftlichen Forschung Daten für einen bestimmten Zweck gesammelt werden – entweder um damit wichtiges Grundlagenmaterial für Entscheidungen in der Praxis zu erhalten oder um einen weiteren Baustein für eine bestimmte Theorie zu gewinnen.

Wie hoch das Durchschnittseinkommen der Angestellten, Beamten, Landwirte etc. ist, das kann man leicht den amtlichen Statistiken entnehmen, doch was diese Menschen über gerechten Lohn denken und sagen, wie ihre Einstellung zur Förderpolitik der EU ist oder wie bedroht sie sich im Straßenverkehr fьhlen, das erfährt man nur durch sie selbst oder ihr unmittelbares Umfeld.

Man unterscheidet zwischen „quantitativen“ und „qualitativen“ Umfragen. Quantitative Umfragen werden üblicherweise persönlich durch InterviewerInnen vor Ort, telefonisch oder schriftlich (postalisch oder ebenfalls mittels InterviewerIn) durchgeführt. Darüber hinaus kommen in letzter Zeit auch vermehrt neuere Formen zum Einsatz wie z. B. Online- oder SMS-Umfragen.

Bei der persönlichen Befragung (Face-to-Face) besucht ein(e) MitarbeiterIn den zu Befragenden und interviewt ihn. Dabei können auch Bilder oder Produkte vorgelegt und Beobachtungsbögen eingesetzt werden. In der Regel dauern solche Interviews zwischen 1/2 und 1 Stunde. Besonderer Wert muss auf die Führung und Anleitung der InterviewerInnen gelegt werden. Dies verteuert verständlicherweise die Kosten für eine derartige Befragung.

Relativ schnell und kostengünstig durchgeführt ist die telefonische Befragung. Meist werden diese von sogenannten Call-Centers durchgeführt. Ja nach Thema und Umstand wird dabei auch die Response-Rate (Beantwortungsrate) ausfallen. Allerdings müssen die Interviews dabei relativ kurz gehalten werden (max. 15 Minuten).

Schriftliche Befragungen finden meist mit einem standardisierten Fragebogen statt, ermöglichen relativ hohe Anonymität und sind in der Regel kostengünstiger. Der Nachteil liegt allerdings in der eher geringen Rücklaufquote (ca. 5 – 20 %) und der geringen Kontrolle hinsichtlich der Umwelteinflüsse.

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Über bjh

Das Fachmagazin soziologie heute erscheint seit Oktober 2008 zweimonatlich, widmet sich aktuellen soziologischen Themen und bereitet diese allgemein verständlich auf. Als dzt. größtes soziologisches Fachmagazin im deutschsprachigen Raum ist es dem Herausgeber ein Anliegen, den Kontakt mit Nachbardisziplinen zu pflegen und Vernetzungen zu fördern. Näheres unter: www.soziologie-heute.at

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